da ich nun auch schon seit Juni by bin möchte ich mich doch gern auch mal äußern.
Große Stärke des Bildungsstreiks ist, das er durchgehend Basis-demokratisch abläuft, es also keine führenden Gremien oder "Köpfe" gibt. das heißt im Umkehrschluss auch, das die Art und der Auftritt des Bildungsstreiks auch maßgeblich durch die teilnehmenden Individuen bestimmt wird.
Zu sagen das dass wofür protestiert wird "ja eigentlich richtig ist",
aber sich im gleichen Atemzug das Maul darüber zu zerreißen
ist so was von lächerlich das mir die Worte fehlen.
Jeder kann mitmachen, jeder soll mitmachen bzw. sich zumindest mit den Protesten solidarisieren.
Ihr sagt in Jena passiert nur scheiße und wies abläuft ist unter alle Sau?
Vor dem heimischen Fernseher gut (und vorallem bequem) zu beurteilen nicht war?
Euch ist nicht bewusst das es da Leute gibt die sich Tag und Nacht um die Ohren schlagen,
sich durch 4,5,6stündige plenumsdiskussionen quälen, in mittlerweile doch recht gut vernetzten Arbeitsgruppen arbeiten etc.
alles wäre ein bisschen einfacher wenn mehr Leute mitmachen würden.
saßen wir im Juni in Jena noch mit sicher 200 Leuten im Plenum waren es im August teilweise 5 (!)
also ganz klar die bitte:
beteiligt euch.
wenn ihr der Meinung seid schlichtweg die >besseren< Argumente zu haben und irgendwie ja sowieso den Masterplan im Kopf habt wie es denn ablaufen müsste:
zack! ...vorschlagen, einbringen oder noch besser:
einfach machen

ihr glaubt garnicht wie viel Einfluss eigene Aktionen haben können bzw. wie sie z.B. die öffentliche Wahrnehmung ändern können.
denkt euch was aus - witzige öffentliche aktionen/flugblätter
was weiß ich.
Wie soll denn etwas erreicht werden mit einer „ich kann eh nichts ändern Mentalität“?
Wie soll denn etwas erreicht werden wenn die, die sich eigentlich solidarisieren sollten als Rechtfertigung für ihre eigene Nichtbeteiligung das ganze kaputt reden. Da gibt’s nicht kaputt zu reden. Die Forderungen sind richtig nur über die Art und Weise kann gestritten werden. Aber das wird sowieso – jeden Tag, rund um die Uhr, in unzähligen Städten. Das eure Stimme nicht gehört wird liegt schlicht und ergreifend daran das ihr lieber in der nächsten Kneipe sitzt und meckert (oder im Internet rum-flamed

)
Damals im Juni bei den ersten Besetzungen in Jena (Hörsäle, Rektorat),
wurde im Großen Plenum soweit ich mich erinnere mit großer Mehrheit beschlossen, das sich nicht von Einzelaktionen distanziert wird o.ä. .
Das war eine direkte Reaktion auf die Verwirrung nach der großen Demo im Juni wo das Schulamt "gestürmt" wurde und ein bisschen klopapier verteilt wurde was in einem Presseinterview von den Organisatoren der Demo verurteilt wurde.
So etwas wollten wir nicht haben da es der allgemeinen Mobilisierung schadet, sowie dem Zusammenhalt der protestierenden untereinander.
Es entspricht mehr dem Charakter des Bildungsstreiks und ist ziel-führender wenn die Menschen zu Einzelaktionen ermutigt werden als das diese dann im Nachhinein verurteilt werden.
hier wurde geschrieben
das es z.B. in Berlin recht übel aussehen soll, aber das in Erfurt z.B. ein „voll chilliger typ“ macht
freilich war ich nicht in den besetzten Räumlichkeiten in Berlin (oder in Erfurt), weiß aber aus Erfahrungen bei anderen Unis das die Organisation eigentlich überall sehr sehr ähnlich ist und die gleichen Strukturen überall vorhanden sind. Es ist auch kein Geheimnis das die Presse maßgeblich das Bild in der Öffentlichkeit bestimmt. Berlin hat eine menge saumäßiger Lokalpresse. Es würde mich sehr wundern wenn es in Berlin nun wirklich so grundlegend anders (schlechter) ist als überall sonst.
Natürlich kann man saufende Punks oder schlafende Obdachlose fotografieren und das Bild dann passend zum stark negativen Artikel in die Zeitung setzen. man kann aber eben auch ne' Podiumsdiskussion ablichten oder engagierte Studierende alichten und das ganze bejubeln.
Eigentlich ist es auch egal, weil die Ziele sind richtig und alles andere kann sich entwickeln.
In den meisten Städten steht die Presse eher auf Seiten der Protestierenden.
...nicht unbedingt in Berlin

ich bin jetzt seit 3 Wochen in Wien (natürlich die meiste Zeit in der Uni

),kenne hier mittlerweile viele der Leute und jeden Winkel des Gebäudes.^^
...Was die Jungz und Mädelz hier auf die Beine gestellt haben ist echt der Wahnsinn.
hier nur mal ein paar Fakten:
große Teile der Uni besetzt (bei weitem nicht nur das Audimax^^)
- Besetzungen quer durch Wien (z.B. dann nochmal einige 1000qm am Campus)
nochmal ein großer Trakt an der akademie der bildenen künste, an der Technischen natürlich auch
und und und
- mittlerweile eine eigene wöchentlich erscheinende rund 20 seitige Straßenzeitung in einer Auflage von 5000-10000 Stück
- Aufkleber Buttons Postkarten etc. .
- ständiges Programm im Audimax mit Vorträgen, Filmen, Diskussionen usw. (z.B. reden hier dem Streik positiv gesonnene Professoren, Menschenrechtler, ein Biemens Betriebsratler war auch schon da, Musiker sind am Start, der Debattierklub, Freestylesessions, Lesungen undsoweiterundsofort
- die Akzeptanz der Wiener Bevölkerung allgemein ist sehr hoch (57% pro aktuell)
- hatte letztens die ehre^^, mich mal mit 2 Leuten aus der IT-Abteilung zu unterhalten
eyyy - die Jungz ham's echt derbe raus.
die Website die sie gebastelt haben (von Grund auf) läuft mittlerweile sehr stabil und verträgt 3 Millionen (!) gleichzeitige Nutzer.
aktuell versuchen sie eine zentrale Datenbank zu schaffen, wo alle ins Internet strömenden Informationen zum Bildungsstreik gebündelt abrufbar werden.
...schaffen es aber immo nicht weil es einfach viel viel zu viel ist (das Problem ist nicht die Eigene Kapazität sondern vielmehr die Geschwindigkeit mit der dezentral neue Inhalte geschaffen werden.
Zudem gibt es laut ihrer Aussage aktuell noch kein System was für diesen Zweck geeignet ist. Am nächstliegendsten wäre ein wiki, aber auch bei dem fehlen, für die Bewegung entscheidende, Dinge ...wie z.B. mailing-system oder sowas wie soziale Filter um die Benutzung für den Einzelnen übersichtlicher zu machen. Also: auch da was eigenes schreiben.

Klar wird auch die große Stärke der Bewegung:
Der Protest ist ein Schnitt queer durch die Gesellschaft (zumindest hier ist er das schon – andernorts entwickelt er sich auf jeden Fall in diese Richtung.
oder habt ihr euch nicht mal gefragt wo das ganze Geld für die Proteste herkommt (und das ist nicht wenig)?

wie die beiden mir erzählt haben half z.b. bei der unsereuni.at Seite maßgeblich der Entwickler von pornhub.com (einer pornoseite ...wie ich dann erfahren habe^^)
das Bildungsbürgertum (ich nenn das jetzt einfach mal so) klingt sich nach und nach in die Proteste es. Sei es mit Leserbriefen in Zeitungen, noch zaghafter aber wachsender finanzieller Unterstützung und natürlich know-how und Sachspenden.
In Wien funktioniert es so gut weil viele mitmachen und jeder dort mithilft wo er gut mithelfen kann. Hier ist es nunmal so das die Jura studis die komplette rechtliche Seite des Bildungsstreiks aufarbeiten und für die richtigen formulierungen von Forderungen sorgen statt sich zu beschwerden das ihre Vorlesung für 15 Minuten unterbrochen wurde...
In Jena kam Anfangs ne ganze Stange Geld vom Stura.
Hier in Wien macht man sich über Geld nicht so die Gedanken

aktuell laufen Planungen für die Fernsehshow "Österreich sucht den Superbundespräsidenten" beim ORF (aus Mitteln des ORF (die haben einen staatlich verordneten Bildungsauftrag und müssen daher helfen^^)
das ganze natürlich im Sinne des Bildungsstreik^^
aber allgemein ist die Pressearbeit auch sehr gut: Journalisten können sich bei der Presseabteilung hier melden, kriegen n Kaffee, n nettes Gespräch und alle Infos die sie brauchen in der Art und Weise wie sie sie brauchen/verarbeiten können...
...daher auch sehr positive berichte in der presse

(die mögen uns einfach
Das Audimax ist mittlerweile in Wien zur Sehenswürdigkeit avanciert.
Schulklassen waren schon da und im Unterricht wird über Besetzung und Bildungsstreik im Allgemeinen diskutiert (Geschichte zum anfassen^^)
viele Rentner kommen vorbei, diskutieren mit den Besetzern, schauen sich um...
...und naja
da es bei uns warm ist, immer was los ist und wir vor allem ne große Vokü haben (Volxküche - ne Besetzer-Küche mit lecker essen

) ist das Audimax mittlerweile größte Suppenküche Wiens (einzige?), Schlafplatz und Aufenthaltsort für jede Menge Obdachlose.
Hier hat sich in den letzten Wochen schlichtweg gezeigt das Wien in dieser Hinsicht anscheinend ein riesiges Problem hat wesshalb es mittlerweile erste Anzeichen unter den Besetzern gibt, das Audimax selbst bei Erfüllung aller Forderungen nicht zu verlassen.
auch wenn die Versorgung der der Obdachlosen nur schwer zu stemmen ist und auch die teilweise Volltrunkenheit vieler derer,
uns vor massive Probleme stellt können wir sie nicht einfach auf die Straße setzen nur weil wir jetzt durchgesetzt haben was wir wollten.
Vorgestern wurde im Plenum wenigstens (unter heftigen und langen Diskussionen) durchgesetzt das zumindest im Audimax nun generelles Alkoholverbot herrscht und im gesamten besetzen Bereich harte Drogen (Hartalk auch) nicht mehr geduldet werden. Klingt jetzt wie ne Selbstverständlichkeit, bei einer Besetzung ist es aber schon äußerstes Mittel – weil eigentlich sollte die Solidarität so groß sein das Probleme auch wenn jeder machen kann was er will gänzlich ausbleiben.
Das drohte aber eben zusammenzubrechen.
(die Probleme waren vergangenes WE so massiv das wir nachts an die 20 Alkoholleichen hatten (also Leute die wirklich garnichtmehr reagiert haben (größtenteils wenn nicht sogar alles Obdachlose))
wir wissen das viele der Leute einfach Alkohol-krank sind und auch ein Alkoholverbot denen eher wenig hilft, doch sind wir hier nicht länger in der lange die Situation zu bewältigen.
aber lass'mer das erstmal
noch ein paar Worte zum Sinn von Besetzungen und der weiteren Perspektive
der Sinn von Besetzungen ist schnell erklärt
Besetzungen (gerade in öffentlichen Gebäuden wie Unis) werden in der Öffentlichkeit deutlich wahrgenommen, sind sie doch nicht "Problem" eines privaten Eigentümers sondern eben der "Öffentlichkeit".
Besetzte Räumlichkeiten in der Uni schaffen einen frei zugänglichen Ort, um den Bildungsstreik voran zu treiben.
Besonders wichtig ist die Funktion des Druckmittels. Ein besetzter Hörsaal verursacht schlichtweg hohe Kosten (etwa durch Mieten von Ausweichräumlichkeiten).
Hier in Wien musste die Stadthalle angemietet werden. Die Uni Wien beziffert die Kosten der Besetzung auf eine halbe Million Euro pro Monat. (es geht jetzt in de 7. Woche der Besetzung)
Besetzungen helfen der Bewegung maßgeblich bei der Mobilisierung, denn mal ehrlich: die wenigsten gehen Abends zu irgendwelchen Podiumsdiskussionen am Arsch der Stadt. Aber mal schnell zwischen den Vorlesungen in den besetzten Teils schauen oder dort Abends Party machen, Leute kennen lernen, mitmachen: kloar!

übrigens sind aktuell über 80 Universitäten weltweit besetzt. Vor wenigen Tagen wurde auch in Bangladesh die erste Uni besetzt. Der Bildungsstreik kann sich daher schon guten Gewissens als internationale Bewegung sehen.
zu den Perspektiven.
Schon seit einer ganzen Weile laufen Bestrebungen die Bewegung unabhängiger bzw. unabhängig von besetzten Hörsälen zu machen. Das macht es für die Regierenden noch schwerer das ganze in ihrem Interesse zu beenden. (z.B. wurde bereits vor 3 Wochen die ganze IT-Abteilung der des Bildungsstreiks hier in Wien (die die Vernetzungsarbeit für ganz Österreich macht und maßgeblich an der internationalen Vernetzung beteiligt ist) aus den Räumen der Uni ausgelagert (Server etc.)
die Arbeitsgruppen die sich innerhalb des letzten halben Jahres überall gebildet haben sind mittlerweile gut vernetzt und im Stande auch ohne besetzte Räumlichkeiten weiter zu arbeiten.
Selbst wenn jetzt wieder alles (wie im Sommer) einschläft und selbst der harte Kern kleiner wird (hatte selbst auch nichtmehr viel gemacht (was ich jetzt aber mal aufs kiffen schieben will^^)
reicht es dann
einfach wieder bundesweite Demos anzukündigen und schon stehen wieder hunderttausende auf der Straße.
Außerdem wissen wir sehr wohl das besetzte Hörsäle kein Dauerzustand sein werden.
Niederzuschlagen ist das ganze so wie ich das sehe nicht mehr
die Unis üben das Hausrecht aus, das heisst es wird nicht geräumt sofern nicht von der Uni ein entsprechender Räumungsantrag bei der Polizei gestellt wird. Da sich jedoch viele Professoren und auch einige Rektoren mit den Streikenden solidarisieren (Die Unileitung weis selbst am besten das an allen Ecken Geld fehlt bzw. eher es schlichtweg nicht gegeben wird) (bzw. Lehrende auch Einfluss auf Rektorat & Co ausüben) und es allgemein ziemlich "uncool" ist, hunderte schwer bewaffnete Polizisten in die Uni zu schicken,
ist es sehr unwahrscheinlich das Bundesweit überall geräumt wird.
Allgemein ist auch zu beobachten das (vorallem recht brutale) Räumungen wie z.B. gestern in Frankfurt (mit Schlagstock- und Pfeffersprayeinsatz) zu einem erstarken der Bewegung in der entsprechenden Stadt führen.
Ein Räumungsbefehl von Regierungsseite aus ist auch nicht möglich da nunmal das Rektorat die Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch stellen muss.
Wo kein Kläger da kein Richter.
Und selbst wenn: Dann gilt das für ein Land und nicht für alle in denen der Bildungsstreik mittlerweile am laufen ist. Der Protest stützt sich sozusagen gegenseitig.
Man hört immer wieder das besetzte Hörsäle kontraproduktiv seien, nehmen sie doch der Uni Raum, (der ja eh laut Protestierenden kaum vorhanden ist) und kosten sie Geld was ja eh im Bildungssystem kaum vorhanden ist.
Alles richtig, nur steht es in keinem Verhältnis. Es geht nicht darum hier mal ein bisschen mehr für eine Uni, und dort mal ein bisschen mehr für eine Bibliothek zur Verfügung zu stellen sondern um eine grundlegende Umstrukturierung der Bildungslandschaft. Und da muss man an die Ursachen ran. Es hat sich (besonders in der aktuellen Zeit) gezeigt, das Geld mehr als Genug vorhanden ist, es nur schlichtweg nicht richtig verteilt wird. Es hat sich außerdem gezeigt das Proteste, Unterschriftenaktionen, und weiß der Geier alles, über Jahre wirkungslos geblieben sind (die Rektoren klagen seit Jahren über zu geringe Mittel bzw. über die ständigen Budgetkürzungen. Es hat sich gezeigt das es den Entscheidungsträgern schlichtweg egal ist.
Der Bildungsstreik hat es innerhalb weniger Monate geschafft über Staatsgrenzen hinweg eine breite öffentliche Diskussion loszutreten.
Daher kann der gegangene Weg so falsch nicht sein.
Wenn die Dynamik erhalten bleibt ist es vielleicht schon kommenden Sommer möglich ganze Unis zu besetzen (und zu halten), um den allgemeinen Druck zu erhöhen. Ob das dann noch nötig ist ist die andere Frage.
Allerdings ist abzusehen das die bis jetzt sehr friedlichen Proteste mit zunehmer Repression radikaler werden. Ob das nun gut oder schlecht ist ist die andere Frage
aber wer nunmal als friedlicher Demonstrant erwartet aus dem Hörsaal getragen zu werden und stattdessen verprügelt wird der kann auch schnell seine Meinung ändern bzw. schnell unüberlegt handeln.
Das soll nicht heissen das ich zum jetzigen Zeitpunkt militante Proteste unterstützen würde,
aber wir wissen eben auch nicht in welche Richtung sich das alles entwickeln wird.
Es gibt kein ausgearbeitetes Konzept für die nächsten Monate. Wir erfinden uns jeden Tag neu.
lg
rosti
ps.: in Jena ist eine Räumung dieses Wochenende sehr Wahrscheinlich. Es gibt eine Telefonliste in die sich doch bitte jeder eintragen soll damit die Räumung gut besucht ist.
wer von euch die Plenumsprotokolle der letzten Zeit möchte: Ich schicke die gern per mail: ansonsten kann man die sich natürlich auch vor Ort abholen. Es gibt außerdem einen sehr aktivenfrei(t)räumer mailverteiler in den ihr euch auch gern eintragen lassen könnt.
Infos vor Ort